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Corona und Journalismus

 Corona und Journalismus 

Zu Beginn der Coronazeit kamen die Nachrichten aus einem fernen Land. Sie waren aufregend wie science fiction. Sie regten die Fantasie an. Sie boten Stoff für die virtuelle Welt. Frühe Warnungen, das Virus könne sich über die Grenze zwischen fern und nah ausbreiten, blieben entweder unter dem Schirm der unnötigen Panikmache oder erzeugten den gruseligen Schauer, was wäre Berlin, wenn hier Zustände wie in Wuhan entstünden.

Die wichtigste Nachricht von Anfang an war: Die Virologen kennen das Virus kaum. Es gibt kein Medikament für die Heilung, keinen Impfstoff, um sich vor ihm zu schützen. Mit dieser Gewissheit erreichte Corona Europa und bestimmte ab Anfang März das Alltagsleben und die Nachrichten in allen Ländern. Für den Journalismus bedeutete das: Alle Nachrichten in den bewegten Wochen, die nun folgen, berichten von einem riesigen Experiment und müssen ihren  Aussagewert an der Offenheit der experimentellen Anordnungen ausrichten.

Die Grundstimmung im Publikum wird Unsicherheit je mehr Menschen begreifen, Teil eines so umfassenden Experiments zu sein, in dem Ihnen durch politische Anweisungen das Verhalten im Experiment zugewiesen wird. Die WHO verkündete die Pandemie als weltweiten Ausnahmezustand und warnte gleichzeitig vor einer „Infodemie“ auf den publizistischen Kanälen. Breaking News überstürzen sich und schaffen Aufmerksamkeitsfenster. Der Daueraufschlag neuer Informationen und Interpretationen wird zum täglichen Nahrungsmittel der Individuen im Ausnahmezustand ihrer Existenz. Die neue Kommunikation in der Folge der Corona wird als unheimlich erlebt. Für den Journalismus gilt zwar, Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Auf dem Markt des Wettbewerbs um Aufmerksamkeit verliert aber oft auch der Journalismus die Tugend, auf die Ungewissheiten hinzuweisen, die mit allen aktuellen Behauptungen und Orientierungsperspektiven in den vielen Statement verbunden sind. Je geringer die Ungewissheit für richtige Antworten über ein Leben mit dem Virus markiert ist, desto stärker wird die Unsicherheit und Belastung der Menschen im emotionalen Ausnahmezustand.

Deshalb verwundert nicht die Hochkonjunktur der Spekulationen, fake news und Verschwörungstheorien im Netz. Denn jede Behauptung ist zunächst einmal entlastend und findet Aufmerksamkeit, wenn sie aus dem Zustand der hilflosen Ausweglosigkeit hinauszuführen verspricht. Nicht das Virus ist das Problem, sondern die Panikamacher aus der Wissenschaft, der Politik, dem Journalismus. Es ist erschreckend, wie diese hirnlosen Volksaufklärer ihre fürchterlichen Reichweiten auf ihren Kanälen erzielen. Ihr Rezept: Sie nutzen die Emotionen des Augenblicks, verbinden sie mit erprobten Feindbildern und lösen die Paradoxien im Dilemma nicht geklärter Wissensstände in einfachen, in der Regel absurden Erklärungen auf.

Beispielhaft für diesen Politik und Journalismus zersetzenden Aktionismus in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie ist der Organisator der Demonstrationen vor der Volksbühne, der vegane Koch, Buchautor und ehemals gern gesehene Talkshowteilnehmer Attila Hildmann. Der 39 Jahre alt Berliner, der sich selbst „Veganator“ nennt, versorgt auf Instagam 60.000 Fellower nicht nur mit abstrusen Behauptungen über Bill Gates, Jens Spahn, die Politiker und die Journalisten, die das Virus als Waffe gegen die Bevölkerung erfunden hätten. Seine „Telegram-Gruppe“ mobilisiert auch auf Twitter. Bevor man im emotionalen Elend versinkt, gelte die befreiende Tat. Am 30. April twitterte er einen Aufruf zum letzten Gefecht:

„Unsere Telegram Gruppe ist Hüter der Wahrheit in einer Welt der Lüge und Manipulation! Es ist eure Pflicht, sie zu verbreiten!“ Und dann folgt das Fanal des Veganators:  „Sind meine Theorien (und die) anderer konkret dann werden wir von dunkelsten Mächtigen regiert und am 15.5. Mai nach dem INKRAFTRETEN der Gesetzeswelle werden SIE ALLE IHRE MASKE ABNEHMEN und ihr wahres Gesicht zeigen!“  Was das bedeuten Soll? „Demokratie wird zur Diktatur!“

Das ist in der öffentlichen Kommunikation die Gegenwelt zum Journalismus. In dem ist allerdings auch nicht alles Gold, was glänzt. In der ersten Phase hat er sicher viel dazu beigetragen, dass die Bevölkerung nachhaltig den Schutdown mitgemacht hat. Aber von Anfang an hat sich der Journalismus auf ein Verwaltungskartell der Coronazeit beschränkt und die Allianz aus Politik und Virologie als einziges Referenzfeld gepflegt. Andere Wissenschaften wie die Psychologie, Soziologie, Kulturwissenschaften blieben außen vor, obgleich sie genauso wichtig sind, um zu lernen, mit den komplexen Verwerfungen der emotionalen und sozialen Ausnahmen kommunikativ umzugehen.

Was aber Journalisten von den selbsternannten Erlösern aus schlimmen Zeiten unterscheidet, ist ihre professionelle Skepsis gegenüber allen, die ihre Sicht als die einzige geltende Wahrheit verkünden. Was in sozialen Medien so erschreckend rüberkommt, ist die Verkündigung von hirnlosen Botschaften, ohne dass ihre Botschafter mit der Wimper zucken. Diese Selbstsicherheit bedient ein Grundbedürfnis in einer nicht kontrollierbaren Zeit. Menschen wollen an eine kontrollierbare Welt glauben. Wer die Zukunft zu kennen verspricht, der ist stärker als derjenige, der mit der Taschenlampe durch den dunklen Wald laufen muss.

In diesem Frühjahr sind sich Wissenschaft und Öffentlichkeit sehr nahe gekommen. Noch nie haben Journalisten so viele Virologen kennengelernt und haben es verstanden, die Sprache der Epidemiologen zu übersetzen. Für sich selber sollten sie aber noch mehr beherzigen, was sie von den Wissenschaftlern erfahren: So lange kein gesichertes Wissen vorfügbar ist, gehört zur Vermittlung des Gewussten, auf die Lücken hinzuweisen, um vor falschen Spekulationen zu warnen. Qualitätsjournalismus erweist sich auch im Aufspüren von Wissenslücken. Das ist professionelle Aufklärung von Ungewissheiten. Auf viele Fragen, was das Coronavirus mit den Menschen macht, gibt es noch keine sicheren Antworten. Damit muss die Gesellschaft leben lernen. Dieses Eingeständnis gehört zu einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft.

 

 

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