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40 Jahre Journalistik in Dortmund

Juni 2016

40 Jahre Journalistik der TU Dortmund -Interview Reiner Mannheims mit Ulrich Pätzold

 

RM 40 Jahre Journalistenausbildung an der Hochschule: Sind die Ziele, die sich damals die Projekt-Gruppe gesetzt hatte, erreicht worden?

Vor 40 Jahren konnte keiner denken, dass der klassische Medienjournalismus binnen weniger Jahrzehnte einen solchen Strukturwandel erleben würde, wie wir ihn heute beobachten. Jede Innovation hat ihre Zeit zu reifen. So war das auch mit der hochschulgebundenen Journalistenausbildung vor 40 Jahren. Epochen kreieren ihre eigenen Kulturen. Die Epoche des Journalismus, in der erst spät das Dortmunder Modell Wirklichkeit wurde, ist auf dem Weg, Vergangenheit zu werden. Doch die Grundsätze und die gesellschaftlichen Notwendigkeiten für dieses Modell werden weiter gelten und die zu Ende gehende Epoche überleben.

 

RM Wie kann der Erfolg eines Studiengangs gemessen werden? Sind es die späteren Berufskarrieren der ehemaligen Studierenden oder die Qualitäten der Abschlussarbeiten?

Der Erfolg ist letztlich die Summe vieler Teile. In erster Linie sind es die vielen hoch motivierten und leistungsstarken Studierenden gewesen. Ich kenne kein kommunikationswissenschaftliches Institut, in dem die Abschlussarbeiten - als Maßstab – so gut gewesen sind wie in Dortmund. Die meisten Studierenden waren also für eine Karriere wie geschaffen, wenn man unter Karriere einen Berufsweg versteht, auf dem man mit Verantwortung und Professionalität in Übereinstimmung mit dem geht, was man sich vorgenommen hat und was man im Studium gelernt hat.  Doch auch ein weitgehender Klimawandel in den Redaktionen kam mit zunehmender Dauer den Ambitionen der Studierenden entgegen, im Journalismus Fuß zu fassen.

 

RM Journalistenausbildung an der Hochschule stand zu Beginn immer in der Kritik. Praxis könne nur in der Praxis gelernt werden, gute Journalisten zeichne nicht ein Prädikakts-Examen der Universität aus, lauteten die Urteile. Wie hat die Journalisten-Ausbildung in Dortmund darauf reagiert?

Die Vorurteile gegenüber Anspruch und Praxis der Dortmunder Journalistik waren in den ersten Jahren enorm. Heute würden sich Journalisten eher lächerlich machen, die immer noch die ablehnenden Flosken jener Jahre gegen die Dortmunder im Munde führen würden – obgleich immer noch viele so denken, wie man früher geredet und gehandelt hat. Die oft miserable Ausbildungsrealität in der Praxis konnte nie besser sein als die gute Mischung aus wissenschaftlicher und praktischer Ausbildung in der Dortmunder Journalistik. Je länger das Institut arbeitete, desto mehr wuchs auch die Anerkennung für diesen Ausbildungsweg. Die Dortmunder überzeugten durch die Leistungen ihrer Studierenden und Absolventen. Das färbte positiv auf das Institut ab.

 

RM Aber ist es nicht ein Widerspruch in sich selbst, an einer Universität direkt für ein Berufsbild auszubilden? Wo bleibt der universitäre Anspruch auch forschen zu wollen. Wäre die Journalistik nicht besser an einer Fachhochschule untergebracht gewesen?

Da sehe ich keinen Widerspruch. Auch Ärzte oder Ingenieure haben an Universitäten ihre berufsbezogenen Ausbildungen. Wissenschaften sind immer auch Innovationskerne für die Praxis und für die Ausbildung. Deshalb gehören sie an die Universitäten, in denen die Forschungspotenziale genügend stark entwickelt werden können. Vielleicht hätte das Forschungspotenzial der Dortmunder Journalistik noch ausgeprägter sein können, obgleich es sich nie verstecken musste. Aber insgesamt war die Journalistik während der letzten 40 Jahre in der größeren Familie der Kommunikationswissenschaften die kreativste und produktivste Abteilung. Um die Einheit von Praxis und Forschung zu bewahren, plädiere ich für eine weitere starke Verankerung der Journalistik in Universitäten. Das schließt nicht aus, auch gute Journalistikstudiengänge an Fachhochschulen zu fördern, die schon aufgrund personeller Mängel nicht die Forschungskapazitäten erlangen können, die wir in Dortmund hatten.

 

RM Journalisten bilden inzwischen viele neben dem klassischen Weg über das Volontariat aus. Verlage wie Springer oder Gruner und Jahr haben ihre eigenen Nachwuchs-Quellen gegründet. Wäre es für junge Menschen nicht besser, dort Zugang zum Beruf zu finden?

Der journalistische Beruf erfordert Charakter, Wissen, Erfahrung und Können. Bis diese Eigenschaften ausgewogen zueinander finden, braucht es Entwicklung, genügend Distanz zur Reflexion und unterschiedliche experimentelle Freiräume. Ich habe nichts gegen die  Ausbildungswerke der großen Medienunternehmen. Aber voraussetzungslos kommt man auch in sie nicht hinein. Die schlechteste Voraussetzung ist bestimmt purer Opportunismus. Die beste Voraussetzung ist ebenso sicher ein umfassendes Journalistikstudium. Heute gilt sogar noch mehr als je: Gute umfassende Grundlagen der Vermittlung und die kritische Distanz gegenüber den medialen Möglichkeiten sind die Voraussetzung, Flexibilitätsanforderungen im Beruf nachkommen zu können. Gegenüber den Möglichkeiten der Hochschulen sind so gesehen die Möglichkeiten der großen Medienunternehmen doch sehr begrenzt.

 

RM Der Arbeitsmarkt für Journalisten hat sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert. Entlassungswellen bzw. das Streichen kompletter Redaktionen wie z.B. bei der Westfälischen Rundschau oder der Münsterland-Zeitung bestimmen inzwischen den Alltag. Macht es da überhaupt noch Sinn, diesen Beruf zu erlernen?

Wenn mir heute jemand sagt, ich will Journalist werden, dann antworte ich ihm: Überlege es dir dreimal und informiere dich über alles, was dagegen spricht. Die Geschichte unserer Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren ist deprimierend. Auf der anderen Seite ist es Ausdruck der Lebendigkeit und Widerspenstigkeit unserer Gesellschaft, dass immer noch so viele junge Menschen auf dieses unruhige Risikofeld Journalismus drängen. Ich weiß nicht, in welchen sozialen und wirtschaftlichen Formen der Wandel im Journalismus weiter gehen wird. Aber ich vermute, dass letzten Endes die Menschen entscheidend sind, die auf diesem Risikofeld Öffentlichkeit, auch kritische Öffentlichkeit erreichen. Eine demokratische Gesellschaft ohne Journalisten bleibt für mich undenkbar. Deshalb ist das Dortmunder Institut für die Zukunft umso wichtiger.

 

RM Stichworte: Internet, social media und google: Jeder kann heute mit seinem PC oder Smartphone weltweit Informationen und Kommentare verbreiten. Auch Journalisten nutzen diese neuen Quellen zur Recherche. Will sagen: Informationen sind im globalen Dorf fast überall verfügbar. Wozu braucht es da noch bezahlte und festangestellte Redakteure?

Das Problem liegt in den quantitativen und qualitativen Dimensionen. Überall verfügbar, immer in Kommunikation, für jede und jeden alles, weltweit und nah dran: Informationen, Kommentare, Vorstellungen, Urteile, Geplappere, Hasstiraden, Werbung, Narzissmus, Selfies, ungeordnete Protokolle, Scheinwissen und so vieles mehr. Sicher: Ebenso gibt es leicht zugänglich unendlich viele Daten, Fakten, Analysen, Orientierungen, für die man früher hart recherchieren musste. Doch wer schlägt die Schneisen in diese überwuchernden Kommunikationssysteme, für die jede Information gleich wert und wichtig ist? Soziale Kommunikation ist nicht nur dialogisch sondern auch hierarchisch, weil die Realität in der Gesellschaft hierarchisch ist. Deshalb sind Schlüsselwörter des Journalismus Distanz und Kritik. Irgendwer muss in das systematische Chaos der digitalen Kommunikationswelt verlässlich, glaubwürdig und kritisch Übersicht schaffen. Wer soll das besser können als Journalisten? Wir brauchen in Zukunft nicht weniger sondern mehr Journalisten.

 

RM Und wie müssen diese dann ausgebildet sein?

Diese Frage beantworte ich heute nicht mehr. Aber es sollten trotz aller Veränderung die Grundsätze weiter gelten, die auch schon vor 40 Jahren gegolten haben.

 

RM Journalisten zählten nie zu den angesehenen Berufsgruppen in der Gesellschaft, Apotheker, Ärzte und Lehrer waren und sind viel beliebter. Dazu kommen die pauschalen Verurteilungen der Medien als "Lügenpresse". Kann ein Vater seinen Kindern heute noch empfehlen, die Beruf zu ergreifen? 

Ein Vater oder eine Mutter sollte mit den Kindern darüber reden, was für schwachsinnige Vorstellungen mit der plakativen Verachtung verbunden sind, die Medien als „Lügenpresse“ zu diffamieren. Als ich jung war, haben wir mit dem Schlachtruf demonstriert: „Bild lügt“. Das war mein pubertärer Aufbruch in den Journalismus, der – jedenfalls für mich – nie in der Bild-Zeitung enden konnte. Journalisten können und müssen auch nicht geliebt werden. Das liegt in der Natur der Sache. Aber sie können und sollten geachtet werden, weil sie einen Beitrag leisten, dass Menschen, überwiegend mit sich selbst beschäftigt, überzeugt von einer ausgeprägten Selbstgerechtigkeit, mit dem Ganzen der Gesellschaft in Verbindung bleiben. Gerechtigkeit ist ein starkes Motiv für junge Menschen, Journalistin oder Journalist werden zu wollen. Selten verträgt sich Gerechtigkeit in einer Gesellschaft mit der Vorstellung eines Individuums, was in der Welt gerecht sein soll. Doch diesen ständigen Widerspruch, der nie ganz aufgelöst werden kann, muss eine Gesellschaft nicht nur aushalten, sie muss ihn täglich aufdecken und austragen. Deshalb ist Journalismus als Beruf ein Kind der Aufklärung. Ich kenne kein Kommunikationsmodell, das schlüssig nachweisen kann, auf diesen so begründeten Journalismus verzichten zu können, soll eine Gesellschaft demokratiefähig bleiben.

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