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Manfred Buchwald gestorben

Manfred Buchwald gestorben

Manfred Buchwald war in vielen Büros zu Hause. Im Journalismus ist er hoch aufgestiegen bis in das Amt eines Intendanten. Stets begleitete ihn eine Zeichnung. Sie stammt aus dem an Karikaturen so reichen 19. Jahrhundert. Ein Journalist wird gefragt, welche Gesinnung er vertrete, welche Tendenzen er verfolge? „Ich kämpfe für Freiheit, Recht, Liebe, Kost und Logis.“

Manfred Buchwald liebte solche klaren tiefsinnigen Aussagen. Im Fernsehen konnte man Anfang der 80er Jahre den Chefredakteur der ARD-Tagesthemen Manfred Buchwald oft als sprachgewitzten Moderatoren erleben. Aus jener Zeit stammt ein weiterer Leitspruch von ihm: „Ein Journalist ist nicht gut, wenn er rot oder schwarz ist, sondern er ist gut, wenn er Journalist ist.“ Da war er Bundesvorsitzender unseres DJV von 1978 bis 1983, nachdem er vorher von 1971 bis 1978 den DJV-Landesverband Rheinland-Pfalz geleitet hatte.

Manfred Buchwald ist am 30. Juni 2012 im Alter von 75 Jahren gestorben.

Seine berufliche Karriere begann früh. Als Student der Geschichte und Literaturwissenschaft verdiente er sein Geld „unter Tage“ im Bergbau und über Tage als Reportagenschreiber. Sein „Revier“ war das Ruhrgebiet. Dort ist der gebürtige Oberhausener zur Schule gegangen. Solidarität, Beobachten und Denken in Zusammenhängen hat er dort gelernt. Kaum 27 Jahre alt und gerade promoviert, beauftragte ihn der SWF-Intendant Friedrich Bischoff, in Mainz ein regionales Fernsehprogramm für das Land Rheinland-Pfalz aufzubauen, das er dann von 1965 bis 1980 leitete.

In dieser Zeit entwickelte Manfred Buchwald die Überzeugung, für die er sich bis zum Ende seines Lebens einsetzte: Medienethische Probleme begründen die Notwendigkeit der qualifizierten Aus- und Weiterbildung für den journalistischen Beruf. Diese Überzeugung trägt er in den DJV ebenso wie in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in dem er in wichtige Positionen des politischen Journalismus hineinwächst: Die Tagesthemen verlässt er 1983 und wird Chefredakteur Fernsehen des Hessischen Rundfunks. 1989 wird er zum Intendanten des Saarländischen Rundfunks gewählt. Auf dem Halberg bleibt er bis 1996. Ihm folgte übrigens der viel zu früh Anfang des vorigen Jahres verstorbene Fritz Raff, mit dem der DJV-Vorsitzende Manfred Buchwald als Hauptgeschäftsführer zusammen gearbeitet hatte. Manfred Buchwald hatte Fritz Raff im DJV als Verwaltungsdirektor in den Saarländischen Rundfunk berufen.

Als ich ihn kennen lernte, war Manfred Buchwald ein „Hierarch“ geworden mit einer ausgeprägten Bodenhaftung im sehr alltäglichen Journalismus mit seinen sozialen und beruflichen Schwierigkeiten. Ich war damals Direktor des Journalistenzentrums Haus Busch und baute als Journalistikprofessor der Universität Dortmund den Modellstudiengang für eine journalistische Hochschulausbildung auf. Es hatte mich tief beeindruckt, dass ein Intendant aus Saarbrücken alle acht Wochen für einen langen Tag ins Haus Busch nach Hagen kam, um gemeinsam mit Volontären und jungen Journalisten am beruflichen Selbstverständnis zu arbeiten. Nie in meinem Leben habe ich einen Chefredakteur oder einen Intendanten wie Manfred Buchwald kennen gelernt, der seine eigenen Überzeugungen in dauerhafte Praxis „unten“ an der unspektakulären Basis von Bildungseinrichtungen umgesetzt hat. Noch heute füllen Haus- und Magisterarbeiten, Skripte und Korrespondenzen meterweise Regale in seinem Allgäuer Haus, die ihm seine Honorarprofessur an der Freien Universität Berlin „eingebracht“ haben, die er seit 1998 mit ungewöhnlichem Arbeitseinsatz wahrnahm.

Manche seiner Unterrichtsstunden habe ich erlebt. Für ihn war es der Sündenfall des Journalismus, wenn er mal wieder registrieren musste, dass sich ein Chefredakteur als Weinverkäufer missbrauchen ließ. Er diskutierte viele Beispiele, wie häufig Journalisten den PR-Schalmeien auf den Leim gehen. Dabei hatte er nichts gegen Weinverkäufer, schätzte er doch deren erlesene Angebote viel zu sehr. Und schon gar nichts hatte er etwas gegen tüchtige Pressesprecherinnen. Eine von ihnen nahm er zu seiner Frau und begleitete mit Stolz und Achtung ihren Aufstieg als erfolgreiche Unternehmerin. Doch aus Respekt und Liebe gegenüber anderen Menschen und Berufen an strengen und notwendigen Trennungen im Journalismus zu rütteln, das wäre Manfred Buchwald nie in den Sinn gekommen.

Manfred Buchwald und ich verehrten gleichermaßen Max Weber und haben oft über dessen Vortrag „Politik als Beruf“ aus dem Jahr 1919 geredet. Darin ist auch eine Passage über Journalisten enthalten. Warum, so fragt Max Weber, ist das Ansehen des Journalismus in der Öffentlichkeit so gering, obgleich die gute Arbeit eines Journalisten einen unermesslichen Wert für die Gesellschaft hat und sehr viel Verantwortung erfordert? Max Weber vermutete, dass ein Berufsstand in der Öffentlichkeit nach „ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird.“ Hingegen werde selten gewürdigt, dass es Journalisten gibt, deren  Verantwortungsgefühl höher stehe „als das der Gelehrten“. Und er fährt fort: „Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und jämmerlicher Feigheit zu betrachten.“

Das wirft ein Licht auf die Persönlichkeit Manfred Buchwald. Als Journalist ist er hoch gestiegen und standhaft geblieben gegenüber „Versuchungen“, die in seinem Beruf reichlich entstehen. Nie hat er Bedingungen für sein journalistisches Wirken gelten lassen, deren Folgen das Publikum hätte daran gewöhnen können, den Journalismus in seiner „jämmerlichen Feigheit“ mit „Verachtung“ zu betrachten.

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