Kopftext

Ein Verriss

Uli Paetzold, ein 68 jähriger, ehemaliger Journalist und Blogger, fand jetzt im Ruhestand endlich Zeit, seine Gedanken aufzuzeichnen. Über sich als "gesellschaftliches Wesen", das er gerade dann sei, wenn er schreibe. Seine Erinnerungen kreisen immer wieder um das Datum 68. Diese Zeit, in der er begriffen habe, dass man als Journalist immer in der Spannung lebe, in der Durststrecke zwischen Subjektivität und Objektivität. Um dieses Spannung zu bestehen, müsse man sich erstens an die Faktizität halten. Als ob nicht vieles an diesen Fakten erst erfunden werden muss, um sie überhaupt als Fakten sichtbar zu machen. Der Glaube an die Faktizität ist ein 68er Glaube. Und aus ihm folgt, dass man relevante Zusammenhänge und aus diesen Deutungen an jener Faktizität herausarbeiten müsse.

Und das soll keine Fantasterei sein? Diese Zusammenhänge, diese Voreingenommenheit für Zusammenhänge. Was ist mit den Brüchen, mit den Infarkten, den Autounfällen mitten im diesen Zusammenhängen? Der Plan, der eine hehre Absicht vor sich her trägt, kollabiert plötzlich, landet atemlos auf den Erbhöfen des Gegners. Warum hat kein Journalist je diesen Riss in den Zusammenhängen geschildert? Denn erklärbar ist er ja ohnehin nicht. Diese Geschichte ist rätselhaft geblieben und das viele Historikergerede hat an diesem Geheimnis nichts geändert. Es hat es noch dunkler werden lassen.

In diesem Zusammenhang der dunklen rätselhaften Dinge steht die Behauptung Pätzolds, das aufgeklärte Bewusstsein akzeptiere seither, seit anno 68, das „schreibende Ich wie alle anderem Menschen als gesellschaftliches Wesen“. Die gesellschaftliche Rolle mag ein menschliches Wesen enthalten, das wird gerne geglaubt. Aber dass das menschliche Wesen, ein wahrhaft sakrales Wort, neben sich noch eine Gesellschaft beherberge, sozusagen im Wohnzimmer des „Ich“, das ist pure Metaphysik, getarnt als social good will.

Hier auf dieser Wiese strotzt es vor Phrasen, hier trinkt die politische Mitte täglich ihr Bier daheim.

Hier ist es fad.

Und wenn Pätzold, ein journalistisch gefärbter Gesinnungslinker schließlich resümiert: „ das haben die 68er gelernt. Das Ich ist öffentlich ein Wir und nur deshalb von Interesse,“ dann finde ich diese horden-mäßige Vereinnahmung als Ich etwas, na ja, ich sage Nürnberger Lebkuchen steht mir näher als dieses Wir, ja lauthals Öffentliche. Das Ich ist ein Wir. --ich überlege, welche Firma den Spruch gebrauchen könnte. Vielleicht die Grünen oder der linke Flügel der CDU? Aber bitte, ich schau doch nicht in den Spiegel und sage, das also bin ich als Wir, als gesellschaftliches Wesen.

Das ist doch eine verkehrte Religion als 68er Ideologie verkleidet.

Uli Pätzold hat auch in der Pension noch Hemmungen vor seinem Götzen Objektivität. Also vor seiner selbst gedeuteten Faktizität. Nun gut, die Pointe liegt im Buchstabenschotter, denn im Text der Faktengläubigen erscheinen nur selten harte Fakten. Stattdessen lauter Zusammenhänge. Das kann man vergessen, diese Objektivität ist ein altes dürres Mädchen, heute auch im journalistischen Dienst unbrauchbar geworden.

Zurück