Kopftext

Zwei alte Männer schreiben sich ins neue Jahr 2016

Lieber Leo,

länger zu schweigen, erzeugt schon seit langer Zeit in mir ein gehöriges Unbehagen. Du hattest zum neuen Jahr so viel von dir berichtet. Und ich habe nicht geantwortet. Wenn ich dir das erkläre mit viel Arbeit rund um die Umzüge von Lisa und mir in die neue Wohnung mitsamt ihrer etwas holprigen Einrichtung, dann ist das nur eine sehr äußerliche Begründung. Eigentlich gibt es ja immer „Zeit“, gleichgültig, wie gedrängt sie gelebt sein mag. Besser ist vielleicht die Erklärung, dass ich in all diesen Wochen gar nicht geschrieben und somit meine Beziehungen arg ausgeplündert habe. Nun komme ich mir wie ein See vor, dessen Ufer struppig aussehen, dessen Pegel tief gesunken ist, dessen Wasser, unklar vor dem Umkippen, Schlamm und Ablagerungen nicht mehr hinreichend überdecken kann.

Zunächst habe ich also großen Nachholbedarf. Meine erste Frage bezieht sich auf deine Genesung nach der Hüfte OP. Kannst du wieder wie ein junger Gott durch die Kölner Altstadt laufen? Haben Reha und Einübungen in einen neuen Alltag dir wieder neuen Schwung gebracht? Das Altwerden ist wohl ein janusköpfiger Prozess. Wie oft erwische ich mich mit meinen Bemerkungen, wie gut es mir geht, wohlwissend, dass die Symptome des Alters an jeder Ecke lauern. Statt des Lächelns begleitet das Leben ab 70 ein Grinsen in karnevalesken Zügen, die immer dichter um einen tanzen. Gestern war ich mit Lisa in einer wunderbaren Beckmann-Ausstellung. Er war in den 20er und 30er Jahren vergleichsweise noch jung, als er die Zeit der Auflösungen damals malte. Natürlich habe ich an dich in den ersten Tagen dieses Jahres oft gedacht, als wir die schauderhaften Geschichten um den Kölner Hauptbahnhof hören mussten. Gerne hätte ich mich in jenen Tagen mit dir unterhalten. Denn die realen Vorgaben fanden ja ihre eigentliche Geschichte erst in dem, was aus ihnen gemacht worden ist. An diesen Auswirkungen werden wir noch schwer zu tragen haben. Diese Gesellschaft ist so leicht zu infizieren, und sie ist offensichtlich schon sehr krank. Es ist eines älteren Mannes großer Wert, Frau Reker ein Spiegel für die Kommunikation sein zu können. Hoffentlich macht sie auch jetzt noch viel Gebrauch von dieser Möglichkeit. Lisa und ich versuchen, uns auf einer viel bescheideneren Ebene einzubringen. Fast in unserer Nachbarschaft ist im ehemaligen Wilmersdorfer Rathaus eine große Flüchtlingsunterkunft für fast 1500 Menschen. Noch gibt es viel auffangendes Engagement. Aber wir sehen auch, immer weiter auf einer Insel ins Meer getrieben zu werden. Vielleicht erleben wir in der Weltgeschichte nur eine Fußnote. Aber sie löst bei uns auf dem kleinen Raum, in dem wir leben, eine ungeheuer große Dynamik aus. Es wird wohl wirklich darauf ankommen, wie das Doppelblicken gelernt wird. Sind wir zu Wenige, die das lernen wollen, dann kann eine große zivile Katastrophe über uns einbrechen.

Noch schnell ein paar private Informationen. Lisa und ich sind jetzt endlich in unserer herrlichen großen Wohnung im alten Berliner Westen angekommen. Wir wohnen sehr ruhig in einer schönen Straße mit vielen alten Häusern, gar nicht sehr weit vom Kurfürstendamm und dem Wittenbergplatz entfernt. Um uns gibt es alles, was eine große Stadt lebenswert macht. Nach den Ausflügen durch diverse Stadtteile in Berlin, in denen das „Neue“ plakativer aufgebrochen ist, sind wir wieder in der bürgerlichen Mitte angekommen. Um uns gibt es herrliche Delikatessenläden, Restaurants und Kneipen aller Art, wir haben drei U-Bahnlinien vor der Haustür, Theater, Oper, Musiksäle in schneller Reichweite. Es lebt sich gut in der weiten ausgebauten Dachwohnung, die mit einer großen Dachterrasse ausgestattet ist und 193 qm misst. Wenn du mal wieder nach Berlin kommst, kannst du bei uns wohnen. Für Lisa ist es nicht ganz leicht, ohne Schule und geregelten Tagesablauf Struktur ins neue Leben zu finden. Aber sie will auch keinen Tag zurück.Ihr Potenzial ist einfach herrlich, und ich bereue keinen einzigen Tag, mein Leben mit ihrem verknüpft zu haben. So gesehen gehöre ich zu den Glücklichen dieser Erde.

Wir sollten wieder mehr korrespondieren - auch darüber, was wir machen, machen wollen.

Ich grüße dich sehr herzlich

Uli

 

 

Lieber Ulrich,

die ersten Zeilen Deiner Email von vor 6 Wochen (!) könnte ich fast wörtlich übernehmen, nur die Umstände 'im Hintergrund' sind bei mir etwas anders.

Ich bekomme, obwohl da viel Taktgefühl im Spiel ist, sehr wohl mit, dass man sich angesichts meines Alters Sorgen macht, wenn ich für einige Zeit 'von der Bildfläche verschwinde'. Aber es verhält sich so, dass ich mich darauf einfach nicht einzustellen vermag. Nach allzu viel Fremdbestimmung in einem langen Berufsleben will ich nunmehr 'von innen nach außen' leben und nur noch das tun, wonach mir gerade zumute ist. Also heute morgen habe ich gewusst, dass ich Dir schreiben und Dir ein wenig berichten möchte, wie es mir in jüngster Zeit ergangen ist und wie überhaupt ich zurecht komme.

Ich komme in dem Maße gut zurecht, wie es mir gelungen ist, mir in den Ruinen meines Lebens mit Elke einen - von meiner Trauer abgetrennten - Raum herzurichten, in dem ich inzwischen zu leben gelernt habe, insofern nicht ganz als 'Single', als ich unsere gemeinsame Katze Lenchen wie einen Augapfel hüte.

Ich habe allen 'Lebensballast' abgeworfen, habe mich von meiner Bibliothek getrennt und alle Verpflichtungen und Ziele von mir abgetan. Seither komme ich mir 'federleicht' vor, ganz so, als hätte ich 30 Kilogramm abgenommen. Mein Tag ist sehr gleichförmig ('strukturiert' nennt man das wohl), mit Frühstück und Zeitungen bis zum Mittag, dann Lektüre und/oder etwas Kommunikation am PC, 30 Minuten Schwimmen am späten Nachmittag und anschließend Abendessen in wechselnden Restaurants in der Kölner Altstadt mit guter Küche und ohne Beschallung. Dort sitze ich, manchmal mit einem Gast, aber oft genug auch allein, 'stillvergnügt', während um mich herum Paare oder ganze Familien mit ihren Handys beschäftigt sind. Wenn ich dann 'nach Hause' komme, habe ich auch 2 Gläser Wein getrunken und fühle mich dem weiteren Verlauf des Abends gewachsen, mit Lektüre oder Fernsehen, oft, sorry, Fußball. Ob sich das noch einmal ändern wird, weiß ich nicht, ich werde aber darauf achten. Gegenwärtig benötige ich es jedoch, um die Contenance zu wahren, genauso spießig.

Immerhin war ich während des Kölner Karnevals mit 2 Altstadt-Freunden in Israel, zum zweiten Mal nach einer Reise nach Jerusalem mit meiner Tochter Susanne und ihrem Freund Wolf im September des vergangenen Jahres.

So verhält sich das mir mir. Und so sehr es mich freut, was Du über das Gelingen Deines Lebens mit Lisa schreibst, so erfüllt mich das doch nicht mit Wehmut. Es ist wie es ist.

Hast Du inzwischen den Neuen Weltengarten bekommen? Aus der Verteilung des endlich erschienenen Jahrbuchs habe ich mich ganz herausgehalten. Aber natürlich würde es mich freuen, von Dir zu erfahren, ob Du Deinen Beitrag gut präsentiert und in einer angemessenen Umgebung aufgehoben findest.

In der kommenden Woche jährt sich zum zweiten Mal der Todestag von Elke. Ich werde das mit dem 'Sternbild' anzeigen, das auf dem Pflaster vor einem Portal des Kölner Doms von uns weiß.

Da Du auf Frau Reker zu sprechen kommst, hänge ich auch den Leserbrief an, den ich nach ihrer 'Armlängen'-Pressekonferenz Anfang Januar an den Kölner Stadt-Anzeiger geschrieben hatte. Er ist seinerzeit nicht veröffentlicht worden, er hätte das ein-tönige Geschnatter über ihre angebliche Entgleisung wohl zu sehr gestört.

Sehr herzliche Grüße, auch an Lisa,

Leo

 

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