Kopftext
Mein Leben kurz erzählt

 

Geboren wurde ich am 20. August 1943 in Bielefeld. Meine Mutter wurde schwanger, als die deutsche Armee in Stalingrad eingekesselt war. In der Ende Januar 1943 beendeten Schlacht um Stalingrad verloren rund 700.000 Menschen ihr Leben. Mit Ende der Kampfhandlungen an der Wolgau konzentrierten sich die Nazis auf die Vernichtung und der Vergasung der Juden in den Konzentrationslagern. Im August 1943 dürfte die höchste Effektivität der Nazi-Mordmaschinerie erreicht worden sein. Kaum ein Jahr alt wurde meine Geburtsstadt durch Bomben in Schutt und Asche gelegt. 1300 Menschen wurden dabei getötet, der Feuerball am 30. September 1944 mit der aufsteigenden schwarzen Rauchsäule war bis weit ins Umland markantes Zeichen des Krieges. Unser Haus war das einzige in der Straße, das ohne nennenswerte Zerstörung den 4. April erreichte, an dem amerikanische Truppen in die Stadt einmarschierten.

Meine Schulzeit im Bielefelder Ratsgymnasium war humanistisch mit den Schwerpunktfächern Latein und Griechisch geprägt. Neben guten Lehrern gab es zu viele Lehrer, die an der Niederlage des Landes im Krieg litten. Wegen der Zerstörungen fand der Unterricht im wöchentlichen Wechsel bis zur Untersekunda (10. Klasse) am Vormittag oder am Nachmittag statt. Einen Schultadel erhielt ich 1961, als ich vor der Schule Flugblätter verteilte, die Willy Brandt als den besseren Politiker für Deutschland gegenüber Konrad Adenauer priesen. In der Zeit las ich Böll und Kafka, die vom Kanon der Schulliteratur ausgeschlossen waren. Bis zum Abitur im Februar 1963 hatte ich mich bereits zu einem Nonkonformisten stilisiert, schrieb Gedichte und Prosa für mein Tagebuch voller Verachtung für die deutsche Gesellschaft. Natürlich wollte ich Journalist werden. Meine Eltern starben im kurzen zeitlichen Abstand während meiner Oberstufenzeit. Meine drei Geschwister waren älter als ich.

Sofort nach dem Abitur zog ich nach Berlin. So konnte ich dem Wehrdienst entgehen, für den ich bereits gemustert war. Berlin zog mich aber vor allem an, weil ich dort die deutsche Gegenwart als West-Ost-Konflikt lebhaft spürte und ich dort der provinziellen Enge zu entkommen glaubte. Die Stadt in ihren permanenten Gegensätzen und mit ihrer Fruchtbarkeit für Oppositionen, neue Strömungen, historischen Verknüpfungen, freiräumigen Biotopen und ständigen Veränderungen hat mich mehr als jede andere Location dieser Welt geprägt. Studiert habe ich an der Freien Universität Publizistik, Philosophie, Geschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft. Vor allem habe ich während meiner Studienzeit gelernt, dass eine Universität Brennpunkt für den Gestaltungswillen einer gerechteren und offeneren Gesellschaft sein kann. Aber auch die Selbstüberschätzung der eigenen Person und der Kraft von Intelligenz und Gruppe ist für mich Erbe meiner FU-Zeit geworden. 

West-Berlin war damals aufgrund der politischen Situation ein Angebot für bürgerlichen Größenwahn ohne Geld und für Milieus Intellektueller mit Welt verbessernden Überzeugungen. Ich lebte in einer großen alten Villa am Wannsee mit einem riesigen verwilderten Garten und einer Balustrade am Wasser, von der aus wir mit unserem selbstgebauten Katamaran in See stechen konnten. Ich verkehrte mit Schauspielern, Musikern, Literaten und Professoren als sei es nur eine Frage der Zeit, wann ich ihresgleichen sein würde. Zahlreiche Theorien vom Anarchismus über den Marxismus, vom absurden Theater über den Surrealismus, von der dialektischen Philosophie über den kritischen Rationalismus, vom Zerfall der bürgerlichen Kunst über den realen Sozialismus beherrschte ich in Wort und Schrift und pendelte sie für mich aus, um schließlich doch Max Weber und Karl Popper als Ahnen meiner geistigen und wissenschaftlichen Entwicklung lieben zu lernen. Ich lernte, radikal zu denken, blieb aber in meinem Verhalten ein gemäßigter Mensch. 

Nach meinem Studium arbeitete ich wissenschaftlich und journalistisch. Meine beruflichen Optionen überließ ich den Zufällen der Angebote und den gerade vorgefundenen Situationen. Intensiv habe ich im RIAS Berlin gearbeitet. Meine Verehrung von Egon Bahr und die aus ihr resultierende Nähe zu seinem strategischen Denken hatten das Ergebnis, dass ich als junger Journalist die sogenannte Ostpolitik vollständig im Kopf hatte, als es den Namen dafür noch gar nicht gab und Willy Brandt mit Egon Bahr noch nicht im Regierungsapparat angekommen waren. Später war ich dann in der Züricher Weltwoche im Feuilleton. Mein Mentor und Lehrmeister war Francoise Bondy. Er weihte mich in die europäischen Kulturbetriebe ein und lebte mir vor, wie groß eine Persönlichkeit als Kulturkritiker sein kann, wenn er sich vollständige Unabhängigkeit erarbeitet. Bruno Ganz lernte ich in Zürich kennen. Zwei Jahre älter als ich überredete er mich, die Gegenwart in Berlin besser studieren zu können als in Zürich.

Meine wissenschaftlichen Ziehväter in der Wissenschaft waren in der Berliner Publizistik Harry Pross und Fritz Eberhard. Beide waren Quereinsteiger in der Wissenschaft. Eberhard kam als Sozialist aus der Emigration zurück nach Deutschland und war Intendant des Süddeutschen Rundfunks gewesen. Er hatte in Berlin vor allem dazu beigetragen, dass die sozialwissenschaftlichen Methoden aus den USA auch in Deutschland die empirischen Grundlagen der Kommunikationswissenschaften werden konnten. Ihm diente ich jahrlang als Chauffeur, da sein Haus in der Ahrenshooper Zeile auf meinem Weg zum Wannsee lag. Er teilte meine tiefe Abneigung des Opportunismus von Emil Dovifat, der damals noch eine mythische Bedeutung in der journalistischen Fachwelt genoss. Harry Pross war als Chefredakteur von Radio Bremen gekommen, ein großer liberaler Geist, der die Lebenserfahrungen eines Relativisten ins Institut brachte und neben der badischen Fahne das Vorbild seines Landsmannes Gustav Radbruch in Berlin hoch hielt. Ich war der erste, den er promovierte. Oft durfte ich Gast in seinem großen Allgäuer Bauernhaus sein.

Fast überraschend erhielt ich 1978 die Chance, in Dortmund als ordentlicher Professor am Aufbau des Modellstudiengangs Journalistik mit zu arbeiten. Das war ein riesiger Karrieresprung und ich hatte ihn dem damaligen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Johannes Rau zu verdanken, zu dessen vielen Patenkinder dieses Modell gehörte, mit dem zum ersten Mal eine journalistische Hochschulausbildung geschaffen wurde, in der ein wissenschaftliches Studium mit einem Volontariat verbunden war. Das Modell wurde zu einer Erfolgsgeschichte, und diese Erfolgsgeschichte begleitete meine dreißigjährige Tätigkeit an der Dortmunder Universität. In der langen Zeit waren Dortmund und Nordrhein-Westfalen meine geistige, wissenschaftliche und politische Heimat. Mein Freundes- und Bekanntenkreis war sehr groß, oft eng verbunden mit den Netzwerken in der Politik, in den Medien und in den wissenschaftlichen Einrichtungen. Mit meinem ehemaligen Studenten Horst Röper gründete ich in unserem gemeinsamen Haus auf einer Halde gegenüber der Universität 1984 das Forschungsinstitut FORMATT, das Dank der akribischen Recherchen und des schier unendlichen Wissens von Horst Röper von Jahr zu Jahr eine medienpolitisch wachsende Bedeutung in Deutschland erlangen konnte. 

Meine Dortmunder Jahre sind zum Kern meines beruflichen Lebens geworden. Privat habe ich ein eher bescheidenes Leben geführt, nicht zur Zufriedenheit meiner Frau, mit der ich immerhin fünf Kinder – nicht aus dieser Ehe – durch die schulischen und akademischen Ausbildungen getragen habe. Unsere Beziehung war durch unsere Berufe belastet und durch Merkmale meiner Lebensorganisation, durch die sich meine Frau zu oft ausgeschlossen fühlte und der sie einen erkennbaren Willen absprach, unsere Beziehung als wichtigste Einheit im Alltag weiter zu entwickeln. Als gebürtige Schwäbin litt sie an Dortmund, während ich mich dort pudelwohl fühlte. Sie misstraute meinem Freundes- und Bekanntenkreis, weil sie das Gefühl nicht los wurde, in ihm die Rolle eines fünften Rads am Wagen spielen zu müssen. Als wir gemeinsam 2008 nach Berlin zogen, nun das Leben ganz für uns hatten, zerbrach die Ehe.

Die nachhaltigsten Wirkungen meines Berufs sind die zahlreichen Studentinnen und Studenten, mit denen ich in ihrer Ausbildung eng zusammen gearbeitet habe.  Mit vielen habe ich heute noch Kontakt und ich verfolge ihre Karrieren und journalistischen Tätigkeiten. Für mein Leben als Hochschullehrer sind diese Wirkungen wichtiger als meine Veröffentlichungen, Gutachten, Arbeitskreise, Vorträge und wissenschaftliche Beiträge geworden, die es in durchaus beachtlichem Umfang auch gegeben hat. Mit meinen Tätigkeiten als Dekan, als geschäftsführender Direktor meines Instituts und als Mitglied in zahlreichen Gremien habe ich meiner Universität Einiges zurück gegeben, was ich ihr für Privilegien zu danken hatte. Insofern empfand ich diese Tätigkeiten nicht wie viele meiner Kollegen als Belastungen. 

Berlin nach meiner Rückkehr war eine andere Stadt geworden als das Berlin meiner Studienjahre und meiner ersten Berufszeit. Die große Altbauwohnung ganz nah am Hauptbahnhof hatte ich erstanden, als dieser noch gar nicht gebaut war. Vor allem die Innenstadt war eine riesige Baustelle gewesen, die zu durchwandern ein merkwürdiges Gefühl erzeugte. Um den Bahnhof wurde auf einer riesigen Brache das Regierungsviertel hochgezogen. In der surrealen Wüste des Potsdamer Platzes konnte man in Baugruben schauen, deren Ausmaße horrende waren. In der Innenstadt gab es kaum ein Haus, das nicht eingerüstet war. Und die unzähligen Freiflächen in den ehemaligen Ostberliner Straßen, Folge abgetragener Hausruinen, füllten sich mit neuen Bauten. In den 90er Jahren floss unermesslich viel Baukapital in die Stadt. Ein Jahrzehnt später, ab 2000 nach dem Platzen der New Economy Blase an den Aktienmärkten wäre ein derartiger finanzstarker Wiederaufbau nicht mehr denkbar gewesen. Vor allem der Wiederaufbau der Stadtmitte im ehemaligen Ostberlin faszinierte mich als eine Manifestation meiner eigenen Biografie. In dieser Stadt wollte ich leben als Teil jener Veränderungen, die ich beobachten konnte.

Berlin war aber auch durch seine Bevölkerung eine andere Stadt geworden, internationaler, multikultureller, sozial anfälliger. Türken gab es bereits während meiner Studentenzeit. Doch die ethnischen Gruppen haben uns damals kaum in ihrer dynamischen Bedeutung für die Veränderung der Gesellschaft interessiert. Schön war es, auf den Markt am Paul-Lincke-Ufer zu ziehen oder die Gemüsestände am Kottbusser Tor zu genießen. Auch gab es schon damals viele Menschen, die weit unterhalb der Armutsgrenze ein fürchterliches Stadtleben erlitten. Für sie interessierten sich soziale Initiativgruppen oder die großen Behörden des Senats. Politisch wurden sie von allen übersehen, die sich um die Eroberung der Arbeiterklasse bemühten. Als ich 2008 nach Berlin als Rentner zurückkehrte, war der Berliner Slang weitgehend aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Umso klarer waren die Integrationsprobleme der vielen Eingewanderten und Zugereisten und umso auffallender waren die Verwerfungen in der sozialen Stadt Berlin. Hochverschuldet wie die Stadt ist, wurden soziale Hilfen immer weiter abgebaut. Im Erscheinungsbild der Stadt werden die Folgen dieses Abbaus immer offensichtlicher.

Am Ende meiner Dortmunder Zeit hatte ich angefangen, im Bundeskanzleramt am Nationalen Integrationsplan mit zu arbeiten. Mir erschienen Ziele und Methoden der neuen Integrationspolitik als der progressivste Beitrag der Regierung auf dem Weg zur Anerkennung einer Einwanderungsgesellschaft, die es in Deutschland de facto seit Jahrzehnten gibt. 2009 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern der Neuen Deutschen Medienmacher. Mit diesem Netzwerk wollten wir Veränderungen im Journalismus durch mehr Partizipation von Migranten und durch kompetentere mediale Darstellung ihres Lebens und ihrer Probleme in Deutschland. Es war ein überraschendes Glück, wie schnell hunderte Kolleginnen und Kollegen mit migrantischen Wurzeln zu uns fanden und  sich aktiv in die Organisation einbrachten. Unsere erste Vorsitzende Marjan Parvand wurde nicht müde, das Übel auf die Formel zu bringen: Jeder fünfte Einwohner im Land besitzt einen sogenannten Migrationshintergrund, aber nur jeder fünfzigste Journalist. 

Mit meinen Erfahrungen aus Dortmund und mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Neuen Deutschen Medienmacher habe ich dann mein Spätwerk begonnen. Im Berliner Bildungswerk in Kreuzberg (BWK) haben wir einen 15 Monate dauernden Ausbildungskurs für Migrantenjournalisten aufgebaut. Etwa 20 Redaktionen unterstützen uns dabei, indem sie Praktikaplätze zur Verfügung stellen, und wir haben zahlreiche, oft prominente Journalistinnen und Journalisten gewonnen, die unseren Teilnehmern mit Wurzeln aus vielen unterschiedlichen Ländern als Mentoren zur Seite stehen. Erst in diesen Kursen wird mir deutlich, wie anders die Perspektiven sein können, auf die Realitäten in Deutschland zu schauen. Ebenso deutlich wird im Umkehrschluss aber auch, wie einseitig und verzerrt die Berichterstattung in Deutschland bleibt, wenn dieser Reichtum an Vielfalt nicht erschlossen wird. Wir haben da einen immensen Nachholbedarf in der journalistischen Kultur unseres Landes.

 

 

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